Kriegsgräberstätte: Wo sind die Toten? Ergebnisse der Machbarkeitsstudie liegen vor
Pressemitteilung der Gemeinnützigen Bildungs- und Forschungsgesellschaft mbH der »Euthanasie«-Gedenkstätte Lüneburg
LÜNEBURG. – Im Frühjahr 2025 war die Überraschung groß, als infolge von Sondierungsgrabungen auf dem Städtischen Friedhof Nord-West festgestellt wurde, dass es sich bei vielen der ursprünglich 84 Kriegsgräber auf der dortigen Kriegsgräberstätte in Wirklichkeit um Scheingräber handelt.
»Wo sind die Toten?« fragten sich Dr. Carola Rudnick (»Euthanasie«-Gedenkstätte Lüneburg), Jan Effinger (Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge) und Hans Hockemeyer (Hansestadt Lüneburg). Gemeinsam mit der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten förderte die Hansestadt Lüneburg daraufhin im Rahmen des gleichnamigen Projektes die Erarbeitung einer Machbarkeitsstudie, deren Ergebnisse jetzt vorliegen und im Beisein von Vertretern des niedersächsischen Innenministeriums und der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten vorgestellt wurden.
Ursprüngliche Gräber lassen sich präzise lokalisieren
Binnen vier Monaten gelang es dem Historiker Marcus Rischmüller, bislang weitgehend unbekanntes Material zum Friedhof Nord-West sowie zum Lüneburger Zentralfriedhof zu recherchieren und zusammenzutragen. Auf beiden Friedhöfen wurden Opfer des Lüneburger Krankenmordes bestattet. Es galt herauszufinden, ob heute noch sterbliche Überreste existieren könnten, wo genau diese zu suchen wären und mit welchem Aufwand dies möglich sei.
Anhand von Luftbildaufnahmen aus verschiedenen Jahrzehnten sowie in verschiedenen Archiven lagernden Dokumenten und insbesondere durch die Auswertung von Lageplänen, konnten Rischmüller und Rudnick feststellen: Die Suche nach den Toten ist grundsätzlich machbar. Die ursprünglichen Gräber lassen sich auf den heutigen Friedhöfen präzise lokalisieren.
Viele Tote können eventuell noch geborgen werden
Fast schon glückliche Fügung ist, dass sich die Gräber der damaligen Opfer wohl in jenen Arealen befinden, die heute weitgehend nicht belegt und somit untersuchbar sind. »Als wir die rot eingezeichneten Gräber aus der Zeit 1941 bis 1945 mit der heutigen Situation verglichen, staunten wir, dass es tatsächlich nur verhältnismäßig wenige Grablagen gibt, die wir mit Rücksicht auf die Totenruhe nicht sondieren können. Das heißt aber auch, viele Tote liegen mit hoher Wahrscheinlichkeit noch am Ort ihrer ursprünglichen Bestattung und können eventuell noch geborgen werden«, erläutert Rudnick.
»In diesem Fall können die sterblichen Überreste mithilfe forensischer und archäologischer Untersuchungen unter Umständen sogar zugeordnet, wenn nicht gar identifiziert werden«, ergänzt Marcus Rischmüller, der dazu im Austausch mit fachlichen Expert*innen steht.
Diese und weitere Ergebnisse haben beide in der Machbarkeitsstudie dokumentiert, die nun als 40-seitige Broschüre vorliegt. Darin sind auch die möglichen weiteren Schritte benannt, etwa nicht-invasive geologische Bodenuntersuchungen sowie – im Falle der Bergung von Gebeinen – genetische Analysen.
Bundesmittelförderung in Aussicht
Der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien hat erkannt, dass die Suche nach den Toten des Lüneburger Krankenmordes Vorbild für den Umgang mit Gräbern anderer Anstaltsfriedhöfe mit einer »Euthanasie«-Vergangenheit sein kann, und hat für die erforderlichen weiteren Maßnahmen eine Bundesmittelförderung in Höhe von bis zu 170.000 Euro in Aussicht gestellt. Insgesamt werden die Kosten für das Suchen der Toten von den Verfasser*innen der Studie auf rund 225.500 Euro geschätzt.
Um die Friedhofssituation für Bürger*innen nachvollziehbar zu machen, hat die Hansestadt Lüneburg bereits im Herbst vergangenen Jahres reagiert. Die beiden seit 2015 bestehenden Geschichts- und Erinnerungstafeln, deren Inhalte durch die aktuelle Forschungslage geändert werden mussten, wurden in Zusammenarbeit mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und der Gedenkstätte durch neue Tafeln ersetzt, die den jetzigen Sachstand erklären.
Umgestaltung der Anlage
Auch wurden die 35 Gräber mit vorgefundenen sterblichen Überresten in Holz eingefasst und mit einer Blütensaat bepflanzt, um sie auf der mittlerweile nicht mehr als Kriegsgräberstätte anerkannten Anlage hervorzuheben.
In einem nächsten Schritt ist nun mit dem Landesdenkmalamt, dem Innenministerium und der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten auszuloten, wie es – wenn es nach den Verfasser*innen der Studie geht – nach Möglichkeit spätestens zum 1. Juli 2026 mit der Suche der Toten weitergehen kann. Davon wird abhängen, ob die Mittel des Bundes tatsächlich bereitgestellt werden können.

Am 29. Januar 2026 stellten Marcus Rischmüller (Historiker, r.) und Carola Rudnick (»Euthanasie«-Gedenkstätte Lüneburg) ihre Machbarkeitsstudie vor.
Foto: Andrea Kabasci
Das Projekt wurde gefördert von:
www.gedenkstaette-lueneburg.de | Dr. Carola S. Rudnick, »Euthanasie«-Gedenkstätte Lüneburg gGmbH
https://lueneburg-stade.volksbund.de | Jan Effinger, Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge
www.hansestadt-lueneburg.de | Hans Hockemeyer, Friedhofsamt der Hansestadt Lüneburg
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