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    Erinnerungskultur

    Umgang mit der Lüneburger Geschichte

    Eine jede Generation hat ihren eigenen Weg im Umgang mit der Geschichte. Wollten viele Menschen in den 1950er Jahren aus den verschiedensten Gründen lieber nicht über die Geschehnisse zwischen 1933 und 1945 reden, so bestand schon zwanzig Jahre später ein großer Aufklärungsbedarf. Das Thema ist in Lüneburg vor einigen Jahren wieder aktuell geworden durch eine Diskussion über den Umgang mit einem Gedenkstein für die 110. Infanteriedivision der Wehrmacht, der in den 1960er Jahre aufgestellt wurde und noch heute auf einer Grünfläche Am Springintgut zu finden ist. Einige Stimmen forderten eine Verhüllung oder gar Beseitigung des Steins, andere wollten alles beim Alten lassen und sahen dringlichere Probleme. Der Kultur- und Partnerschaftsausschuss (KPA) des Rates entschied sich für einen Weg dazwischen: Der Gedenkstein bleibt stehen, doch die Info-Tafel wurde überarbeitet und thematisiert nun auch die Verbrechen, die Soldaten der 110. verübt haben.

    Der KPA nahm diese Kontroversen 2018 zum Anlass, um mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen und ein Meinungsbild abzufragen. Dazu fanden ein Bürgerforum und ein Symposium statt. 

    Info

    Offener Austausch im Bürgerforum zur Erinnerungs- und Gedenkkultur am vergangenen Samstag im Technologiezentrum des Handwerks. Foto: Hansestadt Lüneburg

    pdf
    Ergebnisse des Forums Erinnerungskultur
    10. November 2018
    (pdf / 0.09 MB)
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    pdf
    Symposium: Erinnerungskultur in Lüneburg nach 1945 (Programm)
    30. November 2018
    (pdf / 0.1 MB)
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    Arbeitsgruppe

    des Kultur- und Partnerschaftsausschusses

    Entstehung

    Neben vielfältigen inhaltlichen Vorschlägen und Anregungen, womit die Hansestadt Lüneburg sich gemeinsam mit den diversen lokalen Initiativen der Erinnerungskultur in den kommenden Jahren vorrangig beschäftigen sollte, ging aus dem Bürgerforum und dem Symposium 2018 der „Arbeitskreis Erinnerungskultur“ hervor. Dieses Gremium hat unter Leitung des Kulturreferats seit 2019 rund 20-mal getagt, zuletzt Corona-bedingt per Videokonferenzen.

    Mitwirkende

    Der "Arbeitskreis Erinnerungskultur" setzt sich wie folgt zusammen:

    • Kulturreferentin der Hansestadt, Frau Schmäl (Moderation und Leitung der Arbeitsgruppe; des Weiteren informiert sie regelmäßig den Kultur- und Partnerschaftsausschuss über den Stand der Arbeit),
    • eine Vertreterin/ ein Vertreter des VVN-BdA,
    • eine Vertreterin/ ein Vertreter der Geschichtswerkstatt,
    • eine Vertreterin/ ein Vertreter der Euthanasie-Gedenkstätte der Psychiatrischen Klinik Lüneburg,
    • eine Vertreterin/ ein Vertreter des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge,
    • eine Vertreterin/ ein Vertreter der Friedensstiftung Günter Manzke,
    • eine Vertreterin/ ein Vertreter der kulturwissenschaftlichen Fakultät der Leuphana Universität Lüneburg,
    • die Leiterin des Museums Lüneburg, Frau Prof. Dr. Düselder,
    • der Leiter des Stadtarchivs, Herr Dr. Lux.
    Projekte

    Im Auftrag des KPA hat der Arbeitskreis Erinnerungskultur seit 2019 die Neugestaltung des „Ehrenfriedhof Opfer der KZ-Häftlingstransporte 1945“ im Tiergarten begleitet und neue Texttafeln für diesen Gedenk- und Lernort entwickelt. Des Weiteren hat der Arbeitskreis eine Neukonzeptionierung des Friedenspfades unter dem Titel „Lüneburger Orte gegen das Vergessen. Friedenspfad“ entwickelt, die in den kommenden Jahren umgesetzt werden soll. Aktuell werden hier die einzelnen Begleittexte der Denkmale evaluiert, überarbeitet und um weitere Stationen im Stadtgebiet ergänzt.

    Stolpersteine

    Gedenktafeln im Lüneburger Stadtgebiet

    Die „Stolpersteine“ sind Gedenktafeln aus Messing, die an Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Vor der letzten selbst gewählten Wohn- oder Arbeitsstätte ins Straßenpflaster eingelassen, geben sie dem Schrecken der NS-Zeit ein persönliches Gesicht, indem sie Namen und Schicksale der Ermordeten nennen. Ins Leben gerufen hat die Aktion der Künstler Gunter Demnig. Mehr als 20.000 Stolpersteine hat er schon in Europa verlegt, 36 davon in Lüneburg.

    32 der 36 Lüneburger Stolpersteine befinden sich in der Innenstadt und liegen nur wenige Straßen auseinander. Dazu kommen drei Gedenktafeln am Wienebütteler Weg und eine im Stadtteil Schützenplatz. Sie erinnern an mutige Widerständler wie den Schuster Hermann Niemann, der Flugblätter gegen das NS-Regime verteilte und nach seiner Verhaftung im KZ Sachsenhausen zu Tode kam, an Patienten der Psychiatrie, die der so genannten Euthanasie zum Opfer fielen, oder an Ehepaare und ganze Familien, die während der NS-Zeit ermordet wurden.

    Die genauen Standorte der Stoplersteine sind in dieser Karte zu finden

    Info

    Stolperstein Am Ochsenmarkt 3

    Synagogen-Gedenkstätte

    an der Reichenbachstraße/Ecke Am Schifferwall

    Info

    Ein neuer Raum des Gedenkens. Foto: Hansestadt Lüneburg

    Geschichte

    In den Jahren 1894 bis 1938 hatte die Jüdische Gemeinde an der Reichenbachstraße / Ecke Am Schifferwall ein Zuhause. Ein wunderschöner Backsteinbau. Die jüdische Gemeinde, die um die Jahrhundertwende rund 180 Mitglieder zählte, hatte 1937 nur noch 38 Mitglieder vor Ort. Wie überall in Deutschland wurden die Jüdinnen und Juden in der Zeit des Nationalsozialismus systematisch ausgegrenzt, herabgewürdigt, unter Druck gesetzt und schließlich in ihrer Existenz bedroht und vernichtet. Die damaligen Institutionen, Industrie- und Handelskammer, Stadt, Regierungspräsident und Gauleitung, erzwangen von der Jüdischen Gemeinde 1938 den Abbruch der Synagoge und den Verkauf zu einem viel zu niedrigen Preis

    Einweihung der Gedenkstätte

    Seit 1950 erinnerte ein Gedenkstein an die ehemalige Synagoge. Aufgestellt haben ihn jüdische, so genannte Displaced Persons, die der Geschichte der hiesigen jüdischen Gemeinde nachforschten. Angefertigt hat ihn Steinmetzmeister Dörries.

    Mit den Jahren wuchs, gerade auch bei den Teilnehmern der jährlichen Gedenkfeiern die Überzeugung, die Gedenkstätte zu überarbeiten, sichtbarer und würdiger zu gestalten. Im Jahr 2012 gab es den Ratsbeschluss zur Neugestaltung. Die Ehrenvorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Lüneburg e.V., Ela Griepenkerl, hatte die Initiative für die Neugestaltung ergriffen und den Kontakt zu Architekt Carl-Peter von Mansberg hergestellt. In einem Arbeitskreis haben sich viele Stellen im Entstehungsprozess eingebracht, neben Hansestadt und Gesellschaft, auch die Kirchen, die Geschichtswerkstatt, die VVN, das Museum, Prof. Dirk Stegmann, die Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, der Kultur- und Partnerschaftsausschuss und viele mehr.

    Am 9. November 2018, dem 80. Jahrestag der Pogromnacht, wurde die neue Gedenkstätte eingeweiht.

     

    Finanzierung

    Die Gesamtkosten belaufen sich auf 240.000 Euro, finanziert wurde das Projekt maßgeblich durch Spenden. Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Lüneburg e.V. hat die Einwerbung der Spendengelder unter Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters Ulrich Mädge übernommen.

    50.000 Euro kommen von der Hansestadt Lüneburg, ebenso 50.000 Euro von der Sparkassenstiftung Lüneburg, weitere 25.000 Euro tragen die Industrie- und Handelskammer Lüneburg (IHK) sowie 20.000 Euro der Landkreis Lüneburg.
    Hinzu kommen Spenden der Lutherischen Landeskirche, der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden Niedersachsen, des Bistums Hildesheim, des Dekanats Lüneburg und des Lüneburger Unternehmer Henning J. Claassen. Weitere Unterstützer des Projekts sind das Museum Lüneburg und die Geschichtswerkstatt Lüneburg. Insgesamt hat die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Lüneburg e.V mehr als 48.000 Euro in Form von Einzelspenden und Kirchenkollekten gesammelt.

     

    Architektur

    Architekt der Gedenkstätte ist Carl-Peter von Mansberg aus Lüneburg. Bei seinem Entwurf hat sich von Mansberg intensiv mit den alten Bauplänen und dem ursprünglichen Grundriss der ehemaligen Synagoge auseinandergesetzt.

    Alle Maße der Gedenkstätte beziehen sich mit 7,30 Meter Länge mal 7,30 Meter Breite und 2,26 Meter Höhe auf den Goldenen Schnitt. Diesem entsprechen in ihren Maßen auch die vier Gedenktafeln an den Innenwänden der Gedenkstätte. Sie erinnern an die jüdischen Familien und Opfer des Holocaust, die seit der Einweihung der Synagoge 1894 in Lüneburg gelebt haben. Die Familiengeschichten und Hintergründe wurden aufwendig von der Geschichtswerkstatt Lüneburg recherchiert. 

    Das Muster der durchbrochenen Eisenstäbe an den Seiten der Gedenkstätte symbolisiert die Zerstörung durch den Holocaust. Dabei wiederholt sich keines der Muster, jedes Feld ist einzigartig gestaltet. 

    Die Stele der ehemaligen Synagoge, die in den 50er Jahren auf dem Grundstück aufgestellt wurde, befindet sich nun in der Mitte der Gedenkstätte. Umrahmt wird sie von einem sechseckigen Davidstern, der als Muster in die Sandsteinplatte des Bodens eingelassen ist. Im Hintergrund findet sich als Halbrelief eine in die Betonwand eingelassene Menora, der siebenarmige Leuchter.

    Opferfriedhöfe

    Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in Lüneburg

    Die Epoche der Weltkriege im 20. Jahrhundert hat auch in der Hansestadt Lüneburg noch heute sichtbare Spuren hinterlassen, wie auf den Opferfriedhöfen deutlich zu erkennen ist.

    Info

    Der Friedhof im Tiergarten ist ein wichtiger Gedenkort. Foto: Hansestadt Lüneburg

    Hermann Reinmuth

    Erinnerungstafel

    Die Erinnerungstafel ist am 27. Januar 2016, dem nationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, im Beisein von Familienangehörigen am Düvelsbrooker Weg 1 enthüllt worden.

    Eines der Opfer des Nationalsozialismus war Dr. Hermann Reinmuth, der seinem Namen alle Ehre machte, indem er sich mutig (!) und bekennend gegen das System des Nationalsozialismus aussprach und seiner Überzeugung Taten folgen ließ.

    Das sollte wiederum für ihn nicht folgenlos bleiben, denn Menschen, die sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten diesen gegenüber nicht konform verhielten, wurden drangsaliert, beobachtet, verhaftet und wenn sie sich nicht wandelten, am Ende umgebracht.

    Dr. Hermann Reinmuth musste dieses am eigenen Leib erfahren und erdulden, bis er unmittelbar nach Verbüßung seiner Haft unter bisher ungeklärt gebliebenen Umständen 1942 im Konzentrationslager Sachsenhausen als so genannter Schutzhäftling verstarb.

    Das ihm und allen Opfern des Nationalsozialismus geschehene Unrecht ist nicht wiedergutzumachen. Daran zu erinnern, gebietet der Respekt, der diesen Opfern heute und in Zukunft geschuldet werden muss. Diese Erinnerung ist zugleich Mahnung, alles zu tun, dass sich dieses Kapitel deutscher Geschichte nie wiederholt. Rechtsstaatlichkeit, die Achtung und Wahrung von Menschenrechten, Toleranz und Nächstenliebe sind die Werte, die es zu schützen, zu bewahren und für die es mutig einzutreten gilt.

    Erinnerungstafel

    Die Anregung, neben einem Am Ochsenmarkt 3 verlegten Stolperstein, mit einer Erinnerungstafel an Dr. Hermann Reinmuth zu erinnern, kam von der Kreisvereinigung Lüneburg des VVN/BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten und Antifaschistinnen). Die Erinnerungstafel steht vor dem Haus, dem ehemaligen Fischerhaus, in dem Dr. Hermann Reinmuth wohnte, und in dem er am 23. November 1934 gegen Mitternacht verhaftet wurde.

    Broschüre

    Die Kreisvereinigung Lüneburg des VVN/BdA hat eine Broschüre verfasst und herausgegeben, in der das Leben von Dr. Hermann Reinmuth dargestellt wird. Sie trägt den Titel „Versuch einer Annäherung an ein vergessenes Opfer des NS-Regimes/Hermann Reinmuth/Christ • Humanist • Gewerkschafter • Sozialist“.

    Diese Broschüre kann über den folgenden Link als E-Paper abgerufen werden:
     http://www.nilsasmussen.de/vvn/H-Reinmuth/index.html 
    oder als DF-Datei abgerufen und gespeichert werden (41,3 MB):
        http://www.vvn-bda-lg.de/userfiles/downloads/broschueren/reinmuth.pdf

    Info

    Dr. Hermann Reinmuth Mitte der 1920er Jahre. Quelle: Sächsisches Staatsarchiv Leipzig / Nachlass H. Reinmuth Nr. 1