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    Pressemitteilung vom 27.05.2026

    Mahnung, Erinnerung, Hoffnung: Feierstunde zur Neugestaltung des Jüdischen Friedhofs im Beisein von fast 50 Nachfahren jüdischer Familien

    HANSESTADT LÜNEBURG. – Mehr als 80 Jahre nach seiner vollständigen Verwüstung und vier Jahre nach Beginn der Neugestaltung ist der Jüdische Friedhof in Lüneburg wieder ein würdiger Ort der Trauer, des Lernens, der Erinnerung und Begegnung. Sogar Bestattungen nach jüdischem Brauch sind dort jetzt wieder möglich. Heute (28. Mai 2026) ist der Friedhof feierlich an den Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen übergeben worden. Zu diesem Anlass waren fast 50 Nachfahren jüdischer Lüneburger Familien aus ganz Europa, den USA, Afrika und Israel angereist.

    Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) und die Hansestadt Lüneburg hatten gemeinsam eine Feierstunde auf dem Friedhof mit anschließendem Festakt im Fürstensaal des Lüneburger Rathauses organisiert. Dort gedachten die Vortragenden in bewegenden Worten der Toten, mahnten zum Einsatz gegen das Vergessen und brachten zugleich ihre Hoffnung auf neues jüdisches Leben in Lüneburg zum Ausdruck. 

    Info

    Als Teil der Umgestaltung des jüdischen Friedhofs wurden die 13 historischen Grabsteine wieder aus den verschiedenen erhaltenen Teilen zusammengesetzt und in ihrer vollen Größe aufgestellt. Im Hintergrund sind die sechs Stelen zur Namensbewahrung zu sehen.
    Foto: Hansestadt Lüneburg

    Oberbürgermeisterin fragt, ob Verzeihung möglich ist

    Als Oberbürgermeisterin fragte Claudia Kalisch, ob es wohl jemals möglich sei, in Demut um Verzeihung zu bitten für das unermessliche Leid, das die Verantwortlichen im Rathaus den Jüdinnen und Juden während der NS-Zeit und danach in Lüneburg zugefügt haben. Niemand könne dieses Handeln entschuldigen, aber die Bitte um Verzeihung sei ein Zeichen der Reue und die Hoffnung auf eine künftig vertrauensvolle Beziehung.

    Im Winter 1943/44 ließ die Stadt Lüneburg das Gelände des Friedhofs umfassend „säubern“ und einebnen. Dabei wurden nahezu alle Grabsteine zerstört oder verkauft. Anschließend errichtete man auf einem Teil des Areals ein Behelfsheim, dessen Fundament aus den letzten verbliebenen Grabsteinen des jüdischen Friedhofs bestand. 

    Jahrzehntelang weigerte sich die Stadt Lüneburg, den Friedhof zu einem Ort des Gedenkens zu machen. Und auch danach fand nur eine halbherzige Wiederherstellung statt.

    Info

    Diese Aufnahme des Jüdischen Friedhofs ist zwischen 1938 und 1944 entstanden, möglicherweise im Rahmen der Rodungs- und Abräum-Arbeiten Anfang 1943. 
    Archiv-Foto: Werner Rößner/Stadtarchiv Lüneburg

    Kalisch: „Wir haben uns schuldig gemacht."

    „Wir haben mehr als Ihren Friedhof zerstört“, sagte Kalisch im Rathaus zu den Nachfahren. „Wir haben die Jüdinnen und Juden, Ihre Vorfahren, vertrieben aus unserer Stadt. Wir haben ihnen ihr Hab und Gut genommen, ihnen ihre Grundstücke und Häuser geraubt. Mit dieser Zerstörung jüdischen Lebens in Lüneburg haben wir uns schuldig gemacht. Wir dürfen nicht wieder wegsehen. Wir dürfen niemals vergessen.“

    Als Mahnung gegen das Vergessen steht der Jüdische Friedhof. Die GCJZ Lüneburg hatte die Begräbnisstätte seit 2022 in enger Abstimmung mit dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen und einem Rabbiner umfassend sanieren lassen. 2024 war in einem ersten Schritt die über Jahrzehnte vernachlässigte Trauerhalle von 1912 restauriert worden. Der Lüneburger Architekt Heiner Henschke hatte sie saniert und war von Anfang an bei der Neugestaltung dabei.

    Gebäude und Friedhofsgelände sind sichtbare Zeugnisse einer einst lebendigen jüdischen Gemeinde. Genau dieser Aspekt ist Historikerin Anneke de Rudder besonders wichtig: „Wer an den Friedhof denkt, soll nicht nur an seine Zerstörung denken“, sagt sie. „Der Friedhof soll vor allem an den Alltag einer Gemeinde erinnern, deren Geschichte weit über den Friedhof hinausgeht.“ In ihrer Rede gewährte die Historikerin Einblicke in das Leben der jüdischen Gemeinde in Lüneburg seit 1680.

    Info

    Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch fragte die Nachfahren in ihrer Rede im Fürstensaal des Rathauses, ob es wohl jemals möglich sei, in Demut um Verzeihung für das geschehene, unermessliche Leid zu bitten.
    Foto: Hansestadt Lüneburg

    Grabsteine und sechs Stelen mit Namen zum bleibenden Gedenken

    Auf dem neugestalteten Friedhofsgelände erinnern nun die 13 noch erhaltenen Grabsteine (von ehemals ungefähr 150) an das Schicksal dieses Ortes. Sie sind in zwei Halbkreisen angeordnet, um zu verdeutlichen, dass sich dort keine Gräber mehr befinden. 

    Auf sechs Stelen werden zum bleibenden Gedenken die rund 170 Namen derer bewahrt, die auf dem Friedhof ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

    Die Wiederherstellung des Friedhofs sei ein wichtiges Signal für die Zukunft, erklärte Prof. Dr. Christoph Dohmen, 1. Vorsitzender der GCJZ, in seiner Rede: „Wenn irgendwo eine jüdische Gemeinde gegründet wird, hat sie sich um einen Begräbnisplatz zu kümmern. Die Neugestaltung des alten jüdischen Friedhofs stellt uns vor eine nie dagewesene Situation: Es gibt wieder einen jüdischen Friedhof, aber – noch! – keine jüdische Gemeinde. Die geänderte Reihenfolge Friedhof – Gemeinde sollten wir in Lüneburg als hoffnungsvolles Zeichen verstehen.“

    Nachfahrin Cohn-Vargas: „Es liegt an uns, die Welt zu heilen"

    Den Blick nach vorn richtete im Namen der Angehörigen auch Dr. Becki Cohn-Vargas, Urenkelin des jüdischen Rechtsanwalts Robert Heinemann aus Lüneburg: „Wir sind hier, weil andere durchgehalten haben, weil andere geholfen haben, und weil andere sich für die Hoffnung entschieden haben statt für die Angst“, sagte sie. 

    „Die Frage, die wir weitertragen, lautet: Was werden wir mit diesem Erbe tun? Es liegt an uns, die Welt zu heilen, Gemeinschaften zu schaffen, in denen Menschen das Gefühl haben dazuzugehören, und uns gegen Hass zu wehren, wo immer er uns auch entgegentritt.“

    Informationen und Besichtigungsmöglichkeit

    Mehr zum Jüdischen Friedhof gibt es ab sofort auf der Website „Jüdisches Leben in Lüneburg“.

    Einen persönlichen Eindruck vom Friedhof erhalten Interessierte beim Tag des offenen Tores am 7. Juni 2026 in der Zeit von 15 bis 18 Uhr.

    Info

    Während der Enthüllung der sechs neuen Stelen im hinteren Bereich wurden die Namen aller 170 Menschen verlesen, die zwischen 1828 und 1939 auf dem Friedhof bestattet wurden.
    Foto: Hansestadt Lüneburg