Kriegsgräberstätte: Die Suche nach Toten beginnt
Presseinformation der „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg und des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge
In diesen Tagen beginnt auf zwei Lüneburger Friedhöfen die Suche nach 800 bis 850 Kriegstoten, deren Gebeine bis heute in der ursprünglichen Lage vermutet werden.
Eine im Januar vorgelegte Machbarkeitsstudie zeigte auf, dass das Auffinden und Identifizieren dieser Opfer der Lüneburger „Euthanasie“-Maßnahmen auf dem ehemaligen Anstaltsfriedhof (heute Friedhof Nord-West) und dem Zentralfriedhof mit Hilfe geophysikalischer Untersuchungen, Bodensondierungen und gerichtsmedizinischer Untersuchungen noch möglich ist.
Ein halbes Jahr später ist es soweit: Das vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) und von der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten mit mehr als 225.000 Euro geförderte Projekt startet.
Bis Oktober 2026 wird durch Auswertung vorhandener Unterlagen geprüft, an welcher Stelle die Gräber ursprünglich lagen und ob es dort nach 1945 Überbettungen gab. Dies ist die Voraussetzung für die Vorbereitung anschließender geophysikalischer Untersuchungen, unter Wahrung der bestehenden Totenruhe.
Viele Opfer nicht berücksichtigt
Vor über 50 Jahren wurde auf dem heutigen Friedhof Nord-West eine Kriegsgräberstätte errichtet. Sie umfasste laut der Unterlagen jedoch nur 80 Kriegsgräber von Erwachsenen und zunächst fünf, später vier Kindern. Die Auswahl der Gräber war unvollständig, war doch schon seit den 1960er-Jahren öffentlich bekannt, dass es Hunderte Opfer der verschiedenen „Euthanasie“-Maßnahmen gegeben hatte.
In der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg wurden zwischen 1941 und 1945 mindestens 440 Kinder und Jugendliche in der „Kinderfachabteilung“ ermordet. In „Abteilungen für Ostarbeiterinnen und Ostarbeiter“ in der damaligen Anstalt und im Städtischen Krankenhaus Lüneburg wurden weitere rund 150 Erkrankte ausländischer Herkunft getötet. Darüber hinaus sind bis 1947 infolge des Krieges weitere Hunderte Erkrankte an Mangel- und Fehlversorgung gestorben.
Sämtliche Opfer des Krankenmordes blieben bei der Errichtung der Kriegsgräberstätte unberücksichtigt, man bezog ausschließlich ausländische Tote ein – aus heutiger Sicht ist das unvorstellbar.
Gräber nur zum Schein angelegt – oder falsch gekennzeichnet
Bei Sondierungsgrabungen im Frühjahr 2025 kam ein noch größerer Skandal ans Licht. Es stellte sich heraus, dass 49 Gräber der Kriegsgräberstätte nur Scheingräber sind. Man hatte Kriegsgräber angelegt, ohne dass es sich um ein echtes Grab handelte. „Es waren Grabsteine auf einer Wiese mit unbewegter Erde“, erklärt Jan Effinger vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der die damalige Sondierung begleitete.
In 35 weiteren Gräbern der Kriegsgräberstätte konnten zwar Gebeine gefunden werden, jedoch stimmen sie nicht mit den Belegungsplänen des Friedhofsamtes überein. Dort, wo ein Mann liegen sollte, liegt eine Frau. Dort, wo eine Frau liegen sollte, liegt ein Mann.
Forschung und Aufarbeitung beginnt
Um herauszufinden, wer diese Menschen tatsächlich sind und wo die anderen Toten heute noch liegen, startet die „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg in Kooperation mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge nun das Projekt „Wo sind die Toten?“ - Die Suche nach Gräbern der Lüneburger ‚Euthanasie‘-Maßnahmen“. Auch das Friedhofsamt der Hansestadt Lüneburg ist beteiligt und hat in Vorbereitung dazu den Friedhof Nord-West neu vermessen lassen.
Dr. Carola Rudnick, Leiterin der „Euthanasie“-Gedenkstätte, erläutert: „Die im Frühjahr 2025 vorgefundene Situation ist Ausdruck einer tiefen Miss- und Verachtung in Bezug auf die Opfer von ‚Euthanasie‘, die bis weit in die 1970er-Jahre bestand. Darin spiegelt sich auch eine lange nach dem Krieg fortbestehende, strukturelle Diskriminierung von psychisch Erkrankten und Menschen mit Beeinträchtigungen wider. Selbst bei der Errichtung einer Kriegsgräberstätte für die Opfer von NS-Psychiatrie bemühte man sich nicht, die Toten mit der gebotenen Würde zu behandeln.“
Der Historiker und Projektmitarbeiter Marcus Rischmüller ergänzt: „Wir hoffen, diese ursprünglichen Grablagen lokalisieren zu können. Durch gerichtsmedizinische Untersuchungen sollen zumindest einzelne Opfer identifiziert werden. Mit einer Neugestaltung der Kriegsgräberstätte soll den Opfern wieder ein würdevoller Gedenkort zuteilwerden. Das sind wir auch den heute noch lebenden Angehörigen schuldig.“
Weitere Informationen unter www.gedenkstaette-lueneburg.de

Marcus Rischmüller, Historiker und Projektmitarbeiter der „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg, an der ehemaligen Kriegsgräberstätte auf dem Lüneburger Friedhof Nord-West. Er will das Rätsel um die Gräber der Opfer des Lüneburger Krankenmordes lösen.
Foto: „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg/Carola Rudnick
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